Mit Luischen verbindet Thomas Mann bissige Gesellschaftssatire mit psychologischer Präzision und tragischer Zuspitzung. Im Mittelpunkt steht der wohlhabende Rechtsanwalt Christian Jacoby - ein gutmütiger, unbeholfener Mann, der seine schöne Frau Amra aufrichtig liebt, während sie ihn verachtet und ihn mit dem jungen Komponisten Alfred Läutner betrügt. Die ganze Stadt kennt das Verhältnis - nur Jacoby selbst verschließt die Augen davor. Auf einem festlichen Frühlingsabend wird Jacoby überredet, als "Luischen" verkleidet ein humoristisches Couplet aufzuführen - ausgerechnet begleitet von seiner Frau und deren Geliebtem am Klavier. Was als Unterhaltung gedacht ist, wird zu einer öffentlichen Demütigung von erschütternder Wucht. Mit scharfer Ironie und psychologischem Feingefühl erzählt Thomas Mann von Liebe und Selbsttäuschung, gesellschaftlicher Grausamkeit und der zerstörerischen Kraft verletzter Würde. Luischen, erstmals 1900 veröffentlicht und später in den Erzählband Tristan aufgenommen, gehört zu Thomas Manns frühen Meisterstücken. Die Erzählung zeigt bereits eindrucksvoll seine Fähigkeit, hinter der bürgerlichen Fassade die Abgründe menschlicher Beziehungen sichtbar zu machen - zugleich tragisch, satirisch und von großer literarischer Brillanz.