n der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts, also zu einer Zeit wo es im Innern des Harzes noch keine menschlichen Wohnstätten gab, wo nur schmale Wildpfade die dunkeln Urwälder im Thal und auf der Höhe durchschnitten, lebte in jenen Waldgründen, welche den Fuß des Rennekenberges umziehen, ein uralter Mann, Namens Wulferich. Er besaß niemanden mehr zu eigen als ein blühendes Enkelkind, die blonde Gertelinde, welche die aus rohen Baumstämmen nothdürftig gefügte Hütte mit ihm theilte.
Lange, lange Jahre waren verflossen, seit der Alte, die Menschen fliehend, die kleine Gertelinde im Arm in diese Wildniß kam, sie zur Heimat ersehend. In das Dorf am Rande des Harzes, dem er entstammte, war er nie wieder zurückgekehrt und auch die Enkelstochter hatte, soweit sie in die Vergangenheit zurückzudenken vermochte, nie ein anderes Menschenantlitz gesehen als das ihres wortkargen Großvaters. Dennoch fühlte sie sich glücklich und kein Wunsch trübte den Frieden ihres Herzens. Was kümmerte sie die weite Welt da draußen, jenseits der Wälder und der Berge, von welcher der Großvater ab und zu ein flüchtiges Wort sagte, was kümmerten sie die Menschen, die in derselben lebten und einander das Leben verbitterten? Sie besaß alles was sie bedurfte, was sie wünschte. Das Wild des Waldes, welches des Alten sichere Hand einzufangen und zu tödten verstand, lieferte nicht nur warme Kleidung und eine weiche Lagerstatt, sondern auch leckere Nahrung; an Wurzeln, Kräutern und wohlschmeckenden Beeren, die sie kannte und zu verwerten wußte, gab es ebenfalls keinen Mangel; ein munteres Quellchen rieselte unweit der Hütte aus moosigem Felsgestein hervor und Freiheit hatte Gertelinde so viel sie nur wünschen mochte. Also was fehlte ihr?